Warum nach Antidepressiva das Verlangen verschwinden kann – und wie man damit lebt

Quelle: U.S. National Library of Medicine
Warum nach Antidepressiva das Verlangen verschwinden kann – und wie man damit lebt
Foto: Mohamed_hassan / Pixabay

Haben Sie sich je gefragt, ob eine Tablette, die Lebensfreude zurückbringen soll, etwas Wichtiges nehmen kann? Es geht nicht um vorübergehende „keine Lust auf Sex“, sondern um einen Zustand, der Jahre anhält, nachdem Sie das Medikament abgesetzt haben. Dies nennt man post-SSRI sexuelle Dysfunktion (PSSD). Klingt kompliziert, aber einfach gesagt: Nach einer Antidepressiva-Kur stumpfen bei manchen Menschen sexuelle Empfindungen und Verlangen für lange Zeit – oder sogar für immer – ab. Ärzte sprechen erst seit kurzem darüber, und was die Betroffenen selbst fühlen, wusste fast niemand.

Wissenschaftler aus Großbritannien setzten sich hin und sprachen mit zehn Menschen, die mit diesem Zustand leben. Es ist eine kleine qualitative Studie, aber sie bietet eine seltene Gelegenheit, lebendige Stimmen zu hören, nicht nur trockene Statistiken. Und die Ergebnisse sind ernüchternd.

„Sie haben mich einfach nicht gehört“: Wie Ärzte abwinken

Der erste und sehr schmerzhafte Punkt: Fast alle Teilnehmer berichteten, dass sie sich abgewiesen fühlten, wenn sie sich bei Ärzten beschwerten. Man sagte ihnen: „Das geht vorbei“, „Das ist in Ihrem Kopf“, oder man schenkte dem keine Beachtung. Am Ende blieben die Menschen allein mit einem Problem, das für die Medizin unsichtbar schien. Stellen Sie sich vor: Man sagt Ihnen, Ihr Leiden sei nicht ernst, während Sie das Gefühl haben, sich selbst zu verlieren.

„Ich habe aufgehört, mich als Mensch zu fühlen“: Was mit der Persönlichkeit passiert

Der stärkste Teil der Geschichten betrifft Veränderungen im Selbst. Die Menschen beschrieben nicht nur eine verminderte Libido, sondern emotionale Taubheit. Als wären nicht nur sexuelle Empfindungen abgestumpft, sondern auch Gefühle im Allgemeinen. Das ist beängstigend und desorientierend. Eine Teilnehmerin sagte: „Es hat mir das Fundament genommen, das mich zum Menschen macht.“ Dem ist schwer zu widersprechen.

Die Veränderungen betreffen auch Beziehungen. Partner verstehen nicht, was passiert, es kommt zu Streit und Schuldgefühlen. Die Betroffenen ziehen sich zurück, meiden Nähe – nicht nur körperliche, sondern auch emotionale. Auch bei der Arbeit und im Freundeskreis wird es schwer: Die ständige Sorge um die eigene „Defektivität“ raubt Kraft.

„Wie geht es weiter“: Kleine Schritte und große Hoffnungen

Eine Medizin gegen PSSD gibt es noch nicht, aber das heißt nicht, dass man die Hände in den Schoß legen sollte. Die Autoren der Studie schlagen vor, das Problem nicht zu ignorieren: Sowohl Ärzte als auch Patienten sollten wissen, dass dies möglich ist. Wenn Sie etwas Ähnliches erleben, versuchen Sie, einen Spezialisten zu finden, der zuhört und nicht abwinkt. Manchem hilft Psychotherapie: Sie „repariert“ nicht die Gehirnchemie, aber lehrt, mit Veränderungen zu leben und neue Wege der Nähe zu finden.

Manche werden allein dadurch erleichtert, dass es nicht „in Ihrem Kopf“ ist. Es ist eine reale medizinische Tatsache, die immer mehr Ärzte anerkennen. Die Studie betont: Weitere Forschung ist nötig, um wirksame Behandlungen zu finden. Und wenn Sie gerade erst mit Antidepressiva beginnen wollen, scheuen Sie sich nicht, den Arzt nach möglichen Folgen zu fragen und danach, was zu tun ist, wenn sexuelle Nebenwirkungen nach dem Absetzen nicht verschwinden.

Der Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Originalbeitrag: "It's taken away the most fundamental things about being human": the lived experience and impact of post-SSRI sexual dysfunction. — U.S. National Library of Medicine